Wie weit reicht die unternehmerische Organisationsfreiheit?

24.05.2019

Eine unternehmerische Entscheidung kann zum Wegfall des Arbeitsplatzes eines schwerbehinderten Menschen führen, entschied das Bundesarbeitsgericht (BAG) zugunsten der unternehmerischen Organisationsfreiheit – obgleich schwerbehinderte Menschen weitreichende, gesetzlich garantierte Rechte haben.

Im bestehenden Arbeitsverhältnis können Schwerbehinderte von ihrem Arbeitgeber bis zur Grenze der Zumutbarkeit die Durchführung des Arbeitsverhältnisses entsprechend ihrer gesundheitlichen Situation verlangen. Dies gibt schwerbehinderten Menschen jedoch keine Beschäftigungsgarantie. Der Arbeitgeber kann eine unternehmerische Entscheidung treffen, welche den bisherigen Arbeitsplatz des Schwerbehinderten durch eine Organisationsänderung entfallen lässt. Dessen besonderer Beschäftigungsanspruch ist dann erst bei der Prüfung etwaiger Weiterbeschäftigungsmöglichkeiten auf einem anderen freien Arbeitsplatz zu berücksichtigen. Dies hat das BAG mit Urteil vom 16.05.2019 (Az. 6 AZR 329/18) entschieden.

Wie war es im Streitfall?

Der schwerbehinderte Kläger war langjährig bei der insolventen Arbeitgeberin beschäftigt. Das Arbeitsverhältnis unterfiel einem tariflichen Sonderkündigungsschutz. Die Arbeitgeberin kündigte das Arbeitsverhältnis betriebsbedingt im Rahmen des zunächst in Eigenverwaltung betriebenen Insolvenzverfahrens, nachdem sie mit dem Betriebsrat einen Interessenausgleich mit Namensliste i.S.d. § 125 Abs. 1 InsO geschlossen hatte. Die Namensliste enthielt auch den Namen des Klägers, dessen Arbeitsplatz wegen Umverteilung der noch verbliebenen Aufgaben nicht mehr besetzt werden musste. Die Hilfstätigkeiten, die er verrichtete, werden nunmehr von den verbliebenen Fachkräften miterledigt. Andere Tätigkeiten kann der Kläger nicht ausüben. Er hielt die Kündigung dennoch für unwirksam und berief sich auf den tariflichen Sonderkündigungsschutz sowie den Beschäftigungsanspruch aus § 81 Abs. 4 SGB IX (galt bis 31.12.2017. Jetzt: § 164 Abs. 4 SGB IX).

BAG stärkt die Rechte der Arbeitgeber

Die Vorinstanzen haben seine Kündigungsschutzklage abgewiesen. Auch die Revision des Klägers hatte keinen Erfolg. Die streitgegenständliche Kündigung hat das Arbeitsverhältnis beendet. Der tarifliche Sonderkündigungsschutz zeigt gemäß § 113 Satz 1 InsO keine Wirkung. Hiergegen bestehen keine verfassungsrechtlichen Bedenken. Der Beschäftigungsanspruch aus § 81 Abs. 4 SGB IX a.F. kommt mangels geeigneter Weiterbeschäftigungsmöglichkeit nicht zum Tragen. Die Arbeitgeberin war nicht verpflichtet, für den Kläger einen Arbeitsplatz zu schaffen oder zu erhalten, den sie nach ihrem Organisationskonzept nicht mehr benötigt.

Hinweis: Das BAG hat eine Entscheidung getroffen, die auf die unternehmerische Freiheit Rücksicht nimmt und den besonderen Beschäftigungsanspruch von schwerbehinderten Menschen bei der betriebsbedingten Kündigung zutreffend im Rahmen des Weiterbeschäftigungsanspruchs verortet. Wir begrüßen die Entscheidung sehr und beraten Sie gerne zu dieser Thematik.

(BAG / RES JURA Redaktionsbüro)